Essverhalten

„Herr Doktor, mein Kind isst nichts!“

Ein häufiges Problem und Grund vieler Sorgen von Eltern: Ein Kind will nicht essen, es lässt sich nur widerwillig an den Tisch setzen, sieht sofort etwas anderes, mit dem es spielen will, steht auf, läuft davon, muss wieder an den Tisch gesetzt werden. Mit dem Essen im Teller will es lieber spielen, als es in den Mund zu führen, schnell verteilen sich die Speisen auf dem Tisch, am Boden und auf den Kleidern. Die Eltern sind in Sorge, dass das Kind zuwenig Nahrung erhält und versuchen mit immer neuen Strategien, dem Kind Essen einzuflössen... Nicht selten endet dies in frustrierenden Versuchen, dem Kind irgendwie ein bisschen Essen in den Mund zu schmuggeln, sei dies vor dem laufenden Fernseher, mithilfe von Spielfiguren oder ähnlichem.
Wie sieht denn die Problematik aus Sicht des Kindes aus? Als Säugling ist es vollständig auf Fütterung angewiesen. Es kann zwar seine Bedürfnisse sehr genau äussern und auch zeigen, wann es genug hat, für die Nahrungszufuhr selber ist es aber ganz auf die Eltern angewiesen Auch mit 6 Monaten, wenn es beginnt, Brei zu essen, ist es weitgehend auf die Eltern angewiesen. Ganz anders wird dies jedoch ab dem Alter von ca. einem Jahr, wenn die Kinder beginnen, vom Tisch zu essen und dazu nun ihre eigenen Hände benützen wollen. Jetzt drohen Konflikte zwischen den Eltern, welche ihr Kind weiter füttern wollen und dem Kind, das jetzt selber essen will. Nehmen die Eltern die Intentionen der Kinder zuwenig wahr und versuchen ihr Kind wie gewohnt zu füttern, kann das schnell in einer Verweigerung des Kindes enden. Die Eltern erleben dann ein Kind, das zunehmend „nichts mehr essen will“ und versuchen, mit immer neuen Strategien ihre Fütterungsbemühungen zum Erfolg zu bringen. Es entsteht ein Teufelskreis: Das Kind erlebt die Fütterung zunehmend als Zwangsmassnahme, gegen die es sich wehren muss. Erst wenn es gelingt, das Kind sich selbst zu überlassen und es bei Bedarf unterstützen, kann es überhaupt wieder erleben, dass das Essen zum Stillen des eigenen Hungers dient und nicht, um die Eltern zu befriedigen. Ein regelmässiger Rhythmus der Mahlzeiten mit strukturierte Esssituation hilft den Kindern sich auf die Essenssituation einzustellen und erzeugt zusätzlich Appetit und Hunger. Das angeborene Interesse an Imitation führt zudem dazu, dass das Kind die Tätigkeiten der Eltern nachahmt und, ihnen gleich, das Essen zum Mund führen und den Löffel einsetzen will.
Es zeigt sich: Essen ist nicht nur Kalorienzufuhr, bei Kindern genauso wenig wie bei uns Erwachsenen. Das Essverhalten des Kindes ist ein wichtiger Teil seiner Autonomieentwicklung, d.h. der Entwicklung zur Selbständigkeit und muss auch als solcher angesehen werden. Ansonsten sind Konflikte vorprogrammiert, welche sowohl Kindern als auch Eltern das Leben schwer machen können.

Dr. med. Gian Bischoff

Quartierärzte Kreis 9